ROBERT ROTIFER ÜBER “TANGLES AND LOOSE ENDS”

„This is a song for all choices that have not been taken / This is a song for all tangles and loose ends.“

Ein Lied für alles Verworrene singt Eloui am Ende ihres neuen Albums. Ein Lied für alles, was unaufgelöst liegen geblieben ist. Die als Franziska Abgottspon geborene Musikerin ist in der lebhaften Wiener Szene eine unausweichliche Präsenz, ob sie nun den Bass schultert, eine Ukulele unterm Arm hat oder im Vorder- oder Hintergrund singt, von ihrer Arbeit mit den Post-Rockern Thalija über ihre gelegentlichen Ausflüge als Gastsängerin beim Techno Punk-Act Gudrun von Laxenburg bis zu ihrer Involvierung in die Singer-Songwriter-Rock-Band Ernesty International. Man kann sich gut vorstellen, wie sie solche Zeilen schnell niederschreibt, während sie vielbeschäftigt zwischen Proben, Gigs und ihrem Alltagsjob hin- und herflitzt.
“Tangles & Loose Ends“, so endet aber nicht nur die letzte Phrase des letzten Songs auf Elouis zweitem Solo-Werk nach „Chasing Atoms“, dem beeindruckenden Debüt aus dem Jahr 2011, sondern so lautet auch sein Titel. Dies ist – das weiß man, wenn man sie kennt – zwar sicher keine Koketterie, aber zumindest ein absurdes Understatement. Denn während Elouis Alltag, so wie Ihrer oder meiner, sich als eine endlose Wirrnis ewig unvollendeter Vorhaben und unerfüllter Absichten ausnehmen mag, geht sie an ihre musikalische Montage-Arbeit ganz offensichtlich mit unglaublich viel Geduld und Bedachtheit heran (daher auch der lange Abstand zwischen den Alben).

Ihre Songs betrachtet sie erst als fertig, wenn jedes Detail hinreichend „verelouisiert“ (ihre eigene Wortschöpfung), sprich elektronisch nachbearbeitet, an seinem richtigen Platz in einem hochorganisierten Ganzen sitzt.

Und während die Sängerin, Bassistin, Ukulele-Spielerin und elektronische Allesmacherin auf “Chasing Atoms“ schon eine Vielfalt gänzlich unzufälliger Sprenkel entlang ihrer Gesangsmelodien zu semi-abstrakt impressionistischen Stimmungsbildern verknüpfte, öffnet sich auf “Tangles & Loose Ends“ nun eine neue Dimension.

Die Intimität ihrer mobilen Homerecording-Bastelei zwischen Wien und Zermatt trifft hier ohne spürbare Naht- und Bruchstellen auf Live-Schlagzeug (July Skone von Gudrun von Laxenburg), die Violine von Christoph Mateka (ibd.), Fabian Jägers Cello und einen ganzen Bläsersatz: Thomas Weber am Baritonsax, Benedikt Windorfer an der Posaune, Stephen Mathewson am Tenorsax, David Quigley an der Trompete (die beiden letzteren von den Brainmanagerz, einer von Elouis vielen anderen Bands).
Wie schon zuvor ziehen Elouis Klangbilder im Close-Up an uns vorbei, aber neuerdings tummelt es sich da in Technicolor und Cinemascope-Format.

Man würde es nicht ahnen, aber den Rhythmus-Track des Eröffnungslieds “These Are My Hands“ hat sie aus gerade jenen verfremdeten „Klappengeräuschen und anderen sonderbaren Sounds“ gefertigt, die aus Webers Sax kommen, wenn er nichts spielt: „Einfach alles, was kein ‘richtiger’ Ton ist“, sagt Eloui.

„These are my hands / These are my bones and tendons and veins“ singt sie dazu, und schließlich, in der vorletzten Strophe, „These are my toys / These are my scissors and papers and rocks.“

Da ist nicht mehr klar zu unterscheiden zwischen Metapher, Beschreibung ihrer Arbeitsweise und dem eigentlichen Thema: „Ich hatte als Kind immer den starken Gedanken, dass es doch vollkommen seltsam ist, dass ausgerechnet gerade ich ausgerechnet gerade in mir drin bin“, erklärt Eloui, „Das hat mich sehr beschäftigt. Und später dachte ich dann beim darüber Nachdenken, dass das, was ich denke, was ich bin, wahrscheinlich eher zufällig und sehr lose ist.“

Zugegeben, eigentlich bezieht sich dieses Zitat konkret auf weniger geradlinige Songs wie „Steal My Jewellery“ und “Leaves on Trees“, die dasselbe Kindheitsdilemma der in Frage gestellten Identität behandeln. Letzteres Lied nähert sich dem existenziellen Selbstzweifel mit einer dem selbstbewussten Chorus von “These Are My Hands“ diametral entgegengesetzten Unsicherheit: „If this is an empty canvas /If these really are my strokes / This I do not know“

Man könnte beim „Verelouisieren“ an die Techniken eines Matthew Herbert denken, aber die besungene leere Leinwand und die Pinselstriche sind ein kaum verborgener Hinweis darauf, dass Eloui, wie so viele der interessantesten Musiker_innen, ihre Strategien nicht an einer Musik- sondern einer Kunstakademie gelernt hat. Deshalb kam sie einst übrigens auch aus dem Wallis nach Wien (in einem Lied namens „Eppis Chliis“ singt sie erstmals auch in ihrem wallisischen Dialekt). Geblieben ist sie aus anderen Gründen, die hier keine Rolle spielen, aber es ist dieser Frau bei aller Leichtigkeit in ihrer Stimme doch anzuhören, dass sie schon einiges hinter sich hat. Zum Beispiel wenn sie in “In The Night“, einem mit seiner Velvets-artigen Quarten-Schaukel-Struktur, seinen gefächerten Streichersätzen und mehrfach gefilterten Beats formal an den späteren John Cale erinnernden Lied die Zeile „You only hear fear“ singt.

Es ist ein heimlicher Höhepunkt neben offensichtlicheren wie „Ego Super Nova“, einem unerwartet aber keineswegs unschlüssig aus dem letzten Drittel des Albums herauswachsenden, veritablen Dancefloor-Hit. Der unvermeidliche Haken verbirgt sich hier im Text: „Being a sun doesn’t make you the center of my universe.“ Wobei der Gleichklang von „sun“ und „son“ hier durchaus beabsichtigt für Ambiguität sorgt.

Typischerweise folgt auf diesen Pop-Moment der sperrigste des Albums, “Temporary Static Noise“ unterlegt vom Rauschen einer beschädigten CD als verbliebene Erinnerung an einen verstorbenen Freund – eines jener “Tangles and Loose Ends“ des Lebens eben, die sich nicht so akribisch ordnen und organisieren lassen wie das dichte Arrangement eines Eloui-Songs.

Und wer bis zum Ende des Schluss- und Titelsongs ganz genau lauscht, kann sogar noch zwei verirrt durchs Fade-Out streunende Bassnoten hören. Wie ein letzter kleiner Tribut an die Macht des Zufalls, der in Elouis Musik, wie sie selbst sagt, „in Wirklichkeit eine sehr große Rolle spielt. Aber die Entscheidung, die Zufälle dann drin zu lassen und mit ihnen zu arbeiten, die fälle ich dann sehr wohl wieder sehr bewusst.“

Was für eine auf paradoxe Weise passendere Methode könnte es geben, einen Song über “all choices that have not been taken” zu schreiben?

Robert Rotifer, Canterbury, November 2015